BLECHSCHADEN

Ein Kunst- und Umweltprojekt von Kurt W. Hamann

Jedes Jahr werden in Deutschland eine Milliarde (1.000 000 000) Getränkedosen in Supermärkten, Kiosken und Tankstellen verkauft. Diese Dosen bestehen zu 100 Prozent aus Aluminium. Wieviele Dosen weltweit in den Handel kommen, mag man sich angesichts der enormen Belastung der Natur durch den Herstellungsprozess kaum vorstellen.

 

Der Grundstoff für die Aluminiumherstellung ist Bauxit, ein Erz, das unter anderem in Brasilien vorkommt. In dem weltweit drittgrößten Förderland von Bauxit werden riesige Flächen des Regenwaldes abgeholzt, um an das wenige Meter unter der Erdoberfläche lagernde Aluminiumerz zu gelangen. Dabei entstehen Landschaftsschäden in unübersehbarem Ausmaß. Der bei der Förderung anfallende basische  Rotschlamm muss deponiert werden. Pro Tonne gewonnenen Aluminiums fallen ca. 1,5 Tonnen Rotschlamm an. Der Stromverbrauch bei der folgenden industriellen Herstellung von Aluminium ist gewaltig.  Bei diesem sogenannten Elektrolyseverfahren werden große Mengen Fluor und Fluorwasserstoff gebildet und große Mengen von CO und CO 2 freigesetzt. 

 

Während 2003 in Deutschland das Dosenpfand eingeführt wurde ( 25 Cent pro Dose ), gibt es in vielen EU-Mitgliedsstaaten bis heute keine Regelungen, um den Verbraucher zur Rückgabe der Dosen zu bewegen - Vorraussetzung dafür, dass sie recycelt werden. Entgegen landläufiger Meinung wird das recycelte Material allerdings gar nicht mehr für eine weitere Herstellung von Getränkedosen, sondern wegen möglicher Verunreinigungen nur zur Herstellung minderwertiger Alu-Produkte genutzt. Für neue Getränkedosen kommt immer neu gewonnenes Aluminium zum Einsatz, so dass man von einem echten Recycling gar nicht sprechen kann.

 

Nicht wenige Dosen werden einfach direkt im Hausmüll entsorgt oder, auf „Ex“ und wenn gerade keiner guckt, dann „Hopp“  auf die Straße geworfen. Nach Auskunft der Hamburger Stadtreinigung landen diese Dosen schließlich im Ofen einer Müllverbrennungsanlage. Eine relativ kleine aber nicht unerhebliche Menge wertvollen Metalls, welches dann einfach verbrannt wird.

   

Die Botschaft

Wir müssen endlich viel konsequenter als bisher gegen den Raubbau an der Natur vorgehen. In den vergangenen Jahrzehnten sind bereits große Flächen des Regenwaldes den Kettensägen der Baumfäller zum Opfer gefallen. Ein für uns lebenswichtiges und schützenwertes Ökosystem gerät immer mehr in Gefahr. Von Bäumen, die selbst zu Aluminium erstarrt sind, an deren Ästen Blätter und Früchte aus Aluminium hängen, können wir nicht leben!

EINE KURTSGESCHICHTE

Die erste weggeworfene Getränkedose, die mich intensiv „anguckte“, lag Anfang dieses Jahres auf einer vielbefahrenen Straße in Hamburg. Eine von Autos plattgefahrene Bierdose der Marke „5,0 ORIGINAL“, gestaltet in den Farben Schwarz, Rot, Gold. Während einer roten Ampelphase sammelte ich sie auf, vorsichtig, denn sie war hauchdünn, von zig Autoreifen ausgewalzt und mit sehr scharfen Kanten. Die Lasche zum Öffnen der Dose guckte sogar noch oben raus. Alles in allem ein Hingucker. Es dauerte nicht lange und sie hing gut gereinigt  in einem Objektrahmen in meiner Küche. Monate später fand ich wieder eine  plattgefahrene, in der Sonne funkelnde Getränkedose der Marke „Fanta“ und etwas weiter gleich noch eine der Firma Coca-Cola. Der Anfang für das Upcycling-Projekt „Blechschaden“ war gemacht.

 

Von diesem Moment an war für mich klar, wenn ich z.B. mit dem Fahrrad etwas in der Stadt zu erledigen habe, geschieht dies nicht, ohne dabei auf die Straße zu schauen, ob da vielleicht eine Alu-Getränkedose “auf mich wartet“, plattgefahren und möglichst von einer Marke, die ich noch nicht habe. Wichtig dabei ist, dass die Öffnungslasche noch daran haftet! 

 

Je mehr Dosen ich fand, desto intensiver befasste ich mich mit dem Vorgang des Plattfahrens. Wie genau musste die gerade ausgetrunkene Dose auf der Straße liegen, damit sie vom Autoreifen so erwischt wird, dass sie als Dose erhalten und erkennbar bleibt und das I-Tüpfelchen, die Lasche noch dran bleibt? 

 

In einem „Dosenplattfahrselbstversuch“ wollte ich herausfinden, welche Straßenlage für sie am günstigsten ist, um meinem Anspruch an die Ästhetik eines „schönen Blechschadens“ zu erfüllen. Ich legte eine leere Dose hinter den Autoreifen eines gemieteten Transporters und fuhr ein paar Mal über sie hinweg. Das Ergebnis war nicht so, wie ich es auf der Straße vorfand. Platt ist eben nicht platt, und auf der Straße wird jede Dose im Detail auf ihre ganz eigene Art und Weise zum Unikat, zu STREET-ART im wahrsten Sinne des Wortes! 

 

Inzwischen sind fast 1500 regelrechte Schmuckstücke zusammengekommen, die, bevor sie in meine Sammlung kommen, intensiv gereinigt werden und dann ausnahmsweise einmal nicht dem Recycling-Verfahren zugeführt werden. Mit Hilfe dieser vielen achtlos weggeworfenen, bunten und funkelnden Getränkedosen entsteht etwas Neues.

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Copyright © 2017 Kurt W. Hamann